DIE FANTASY-LITERATUR UND DER EDFC
Helmut W. Pesch
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Eigentlich begann alles mit einem blitzartigen Einfall: An einem Sommertag des Jahres 1930 war ein Oxford-Professor damit beschäftigt, sein schmales Gehalt damit aufzubessern, daß er Eingangsprüfungen für die Universität benotete. "Gnädigerweise", so schrieb er Jahre später, "hatte einer der Prüflinge ein Blatt leer gelassen (das Beste, was einem Prüfer überhaupt passieren kann), und ich schrieb darauf: 'In einer Höhle in der Erde, da lebte ein Hobbit...'."

Namen erzeugen Geschichten. Dies war der Keim der Geschichte vom kleinen Hobbit Bilbo, die heute zu einem Klassiker der Kinderliteratur zählt und die später in ein Werk von epischen Proportionen mündete, dessen Erfolg nach wie vor eines der ungeklärten Rätsel des zwanzigsten Jahrhunderts ist. Die Rede ist von J. R. R. Tolkien und seinem epochalen Märchen-Roman Der Herr der Ringe, dem Prototyp dessen, was man heute "Fantasy" nennt.

Auch dem Herrn der Ringe, erstmals 1954/55 erschienen, war es nicht von Anfang an bestimmt, einmal ein Weltbestseller mit Millionenauflage zu werden. Die eigentliche Initialzündung kam erst Mitte der sechziger Jahre mit der ersten wohlfeilen Taschenbuchausgabe in den USA, als die Studenten auf dem Campus dies als den Kult-Roman ihrer Generation entdeckten. Und dies war auch die Zeit, als die Verleger in den USA sich, das große Geld witternd, fragten: Wo ist die nächste Trilogie?

Auch auf einer ganz anderen Ebene begann Mythisch-Phantastisches zu jener Zeit im Taschenbuch fröhliche Urständ zu feiern, indem man nämlich die Sprachgewalt von "Pulp"-Klassikern, Abenteuer-Trivialautoren der heroischen Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wie Robert E. Howard, wiederzuentdecken begann, dessen Conan der Barbar gleichfalls ein Millionenpublikum faszinierte, lange bevor Arnold Schwarzenegger ihn auf der Kinoleinwand ins Bild setzte. Und auch in der "hohen" Literatur begann in jener Zeit ein Unmut gegen die ermattete Romantradition spürbar zu werden, so daß Literaturpäpste zu einer "Remythisierung der Welt" aufriefen.

Eine Gegenreaktion gegen den allzu nüchternen Realismus der Fünfziger Jahre? Vielleicht. Über derlei Zusammenhänge machten sich freilich eine Handvoll Science-Fiction-Fans, die 1966 in Wien einen losen Club ins Leben riefen, der sich dem widmen wollte, was man in Ermangelung eines besseren Terminus "Sword-and-Sorcery", "Schwert-und-Magie", nannte, wenig Gedanken. Man hatte nur eine vage Vorstellung, daß die Sache, mit ein bißchen Enthusiasmus betrieben, immensen Spaß machen könnte.

Das Vorbild diverser Science-Fiction-Vereinigungen bot das Modell für eine mögliche Infrastruktur. Bald erschienen die ersten Zeitschriften, zunächst im Wachsmatrizen-Abzugs-Verfahren, dann, immer noch in Eigenproduktion, auf einer alten Offset-Maschine. Erstes Ziel war es, zunächst einmal zu informieren, ältere, vor allem englischsprachige Autoren interessierten Lesern vorzustellen und Daten zu sammeln. Die erste Leseliste in einer der ersten Zeitschriften, Lands of Wonder (man bemerkt die ausgesprochen anglophile Neigung), umfaßte gerade eine halbe Schreibmaschinenseite. Und natürlich selber Geschichten, Gedichte und Zeichnungen zu Papier zu bringen.

Zehn Jahre später war der Verein, mit einem harten Kern von etwa 150 Mitglieder und einem Umfeld von etwa 500 Interessenten an einem Punkt angelangt, wo man einmal Bilanz ziehen mußte und feststellte, daß bei allem Enthusiasmus allein das finanzielle Risiko nicht mehr auf dem Rücken einiger Weniger ausgetragen werden konnte. Das war der vordergründige Anlaß, weshalb sich im Frühjahr 1978 sieben der aktiven Mitglieder - darunter die beiden Gründer von 1966 - zusammensetzten, um den "Ersten Deutschen Fantasy Club" als eingetragenen Verein zu institutionalisieren. Darüber hinaus hatte man jedoch auch erkannt, daß sich die Aufgabe des Vereins unwiderruflich zu wandeln begonnen hatte: daß es in Zukunft nicht mehr darum gehen konnte, das Interesse für ein exotisches literarisches Genre zu wecken, sondern vielmehr, in einem immer unüberschaubareren Angebot die Spreu vom Weizen zu trennen.

Dies war, wohlgemerkt, zu einer Zeit, als Michael Endes Die Unendliche Geschichte (1979) noch nicht geschrieben war und Marion Zimmer Bradleys Die Nebel von Avalon (1982/83) noch nicht die Bestsellerlisten erklommen hatte und auch der Siegeszug von Fantasy-Rollenspielen sich allenfalls in kleinen Kreisen ankündigte. Und es soll auch nicht verschwiegen werden, daß diese Öffnung nach außen hin nicht ohne Reibung abging: Man hatte zuviel schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht, die nach dem Besuch eines Clubtreffens doch nur immer wieder dieselben Klischees von schwertschwingenden Wirklichkeitsflüchtlingen wiederkäuten; man hatte auch gewisse Berührungsängste gegenüber dem akademischen Umfeld, aus der Furcht heraus, die Professoren würden doch nur die Lesefreude weganlysieren.

Der Rückblick, wiederum nach zehn Jahren, zeigt, daß diese Ängste weitgehend unbegründet waren. Wer heute eine Ausgabe von Fantasia, dem dreimal jährlich erscheinenden, fülligen Journal des EDFC, aufschlägt, ist zunächst verwundert, welch hohen Prozentsatz vom Inhalt die Buchrezensionen inzwischen ausmachen, fast als habe ein neuer kritischer Geist Einzug gehalten. Und auch die Artikel zur Fantasy haben vielfach ein intellektuelles Format, das von der wohlinformierten Lektüre bis hin zu Fachpublikationen reicht, die auch wissenschaftlichen Ansprüchen standhalten.

Die schiere Professionalität ist dann weniger verwunderlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß eine ganze Reihe der heute in Fachkreisen promimenten Autoren, Kritiker, Übersetzer, Lektoren, Herausgeber und Verleger aus dem Ersten Deutschen Fantasy Club hervorgegangen sind, einfach weil sie zu einer Zeit, als die Fantasy mit Macht an die Öffentlichkeit drang, die einzigen waren, die nicht nur über ein entsprechendes Wissen, sondern auch über die publizistischen Grundkenntnisse verfügten. Als Rückkopplung hat sich auch ein entsprechend selbstbewußter Umgang mit den Medien und eine objektivere Darstellung in der Öffentlichkeit ergeben. So sind auch eine ganze Reihe von Herausgebern und Autoren in den letzten Jahren mit dem jährlich vergebenen Deutschen Fantasy-Preis ausgezeichnet worden und waren, wie zuletzt Frederik Hetmann und Michael Ende, Otfried Preußler und Carl Amery, in dieser Funktion Ehrengäste bei Veranstaltungen - und sie sind stolz darauf.

So erfüllt der Erste Deutsche Fantasy Club in vorbildlicher Weise die selbstgestellte Aufgabe, Schnittstelle zwischen Lesern, Produzenten und Theoretikern der Fantasy zu sein. Dies ist nicht zuletzt der Grund, weshalb es in den letzten Jahren möglich war, etwa zu den vierjährlich veranstalteten "Kongressen der Phantasie" verstärkt auch Fachleute aus naheliegenden akademischen Disziplinen - Literaturwissenschaftler, Volkskundler, Theologen - als Referenten zu gewinnen, die dort in einer ungezwungenen Atmosphäre auf ein interessiertes Publikum treffen, das den kritischen ebenso wie den affirmativen Umgang mit Literatur seit Jahren gewohnt ist.

Natürlich ist in den Publikationen des Vereins - die vom Umfang her mittlerweile einem kleineren Verlag alle Ehre machen würden - nicht alles wissenschaftlich ab- und ästhetisch ausgewogen. Manche Kurzgeschichte und manches Gedicht sind eher gut gemeint als literarisch befriedigend, und manche Illustration läßt sich allenfalls mit dem Hinweis auf eine aktive Jugendarbeit des Clubs bemänteln. Dennoch bleibt ein Merkmal festzuhalten, das den EDFC seit den ersten Anfängen kennzeichnet: Es ist ein Verein, in dem die Belesenheit einen Wert darstellt und in dem ein kritisches Urteil ebenso gefragt ist wie eine gezielte Empfehlung, selbst wenn sie eher aus dem Gefühl herauskommt als aus der Theorie.

Bei der Gelegenheit: Es gibt da einen wunderschönen Roman, der mit den Worten beginnt: "In einer Höhle in der Erde, da lebte ein Hobbit..." Und wenn er Ihnen nicht gefällt, dann verschenken Sie ihn oder geben ihn an Ihre Kinder weiter. Vielleicht werden Sie damit jemandem ein unvergeßliches Leseerlebnis bereiten.

(c) 1999 by Helmut W. Pesch